Geschichtliche Entwicklung
Vorbemerkungen
Schwerer Anfang
Greifswald war bekanntlich 1945 als eine der wenigen deutschen Städte der Roten Armee durch den damaligen Kampfkommandanten Oberst R. Petershagen kampflos übergeben worden (Buch und Fernsehfilm "Gewissen in Aufruhr"). Demzufolge hatte Greifswald keine eigentliche Garnison, wohl aber eine Besatzung erhalten, die aus Militär- und Zivilpersonen bestand und im Gebiet des heutigen Sportinstituts (Fallada-, vormals Löns-Straße) angesiedelt war. Diese Besatzung wurde später in eine sowjetische Transport-Kommandantur umgewandelt, die nach 1955 nur noch aus wenigen Personen bestand und direkt in bzw. neben der Reichsbahndirektion untergebracht war.
Die Angehörigen dieser Besatzung/Kommandantur spielten natürlich häufig Volleyball, zunächst nur untereinander, dann aber auch mit bzw. gegen Greifswalder Mannschaften. Sehr beeindruckend waren vor allem die 1.Mai-Turniere im Volksstadion, die fast immer mehr oder weniger souverän von den "Freunden" gewonnen wurden.
(Episode: Die Offiziere waren die Hauptangreifer mit einem prächtigen Haarschopf und wüsten Schimpftiraden, wenn es nicht nach ihren Vorstellungen lief; die Zuspieler und "Kulis" waren zumeist kahlgeschorene Soldaten, die sich mit stoischer Ruhe beschimpfen ließen.)
Viele Kinder waren begeistert und versuchten, dieses Spiel mit allen möglichen Bällen auf Spielplätzen über eine Leine oder auf Höfen mit Wäschestangen irgendwie nachzumachen. Etwas "gesitteter" ging es bei den Oberschülern der "Penne" zu, aber bis 1950/51 ebenfalls ohne Anleitung oder feste Regeln.
In dieser Situation wurde im November 1950 die junge, engagierte Sportlerin E. Barteleit (seit 1948 in Greifswald beheimatet) durch den damaligen Angestellten des Rates der Stadt und späteren Stadtrat, W. Dettmann (gleichzeitig und das bis 1986 Vorsitzender der BSG "Einheit", nach Wiedergründung im Oktober 1948 zunächst "Greif Greifswald") zum "2. Volleyball-Lehrgang der DDR" nach Lichtenstein / Erzgebirge delegiert. Dieser Lehrgang wurde von einem Sportfreund Jähn geleitet, der seine Kenntnisse in russischer Gefangenschaft erworben hatte.
E. Barteleit konnte im Dezember gleichen Jahres den o.a. Lehrgang erfolgreich abschließen und erhielt den Auftrag, "Pionier des Volleyballs im Nordosten des Landes Mecklenburg" zu sein. (Der Name Vorpommern war bereits als nicht (mehr) existent gestrichen worden.)
Zu den ersten Aufgaben der jungen Volleyball-Elevin gehörte es, Abiturienten der Greifswalder Oberschule (später Erweiterte Oberschule, heute F.-L.-Jahn-Gymnasium), die bereits mit dem Volleyball begonnen hatten, "richtig" anzuleiten. Daneben wurden vor allem junge Frauen und Mädchen geworben, die fortan - bis Ende der 50er Jahre - der BSG Einheit Greifswald angehörten. In diesen Anfangsjahren spielten aber auch Jungen und Männer bei „Einheit“, wobei die ersten Übungsabende unter Anleitung von E. Barteleit in der Turnhalle der Karl-Krull-Schule stattfanden.Im Frühjahr 1951 leitete E. Barteleit, die uneingeschränkt als Nestorin des Greifswalder Volleyballs gilt, auf dem Sportplatz einen Wochenendlehrgang für Greifswalder Sportlehrer und Lehrkräfte des Instituts für Körpererziehung. An diesem Lehrgang nahm auch S. Christiansen von der Oberschule teil, der fortan das Training der männlichen Abiturienten übernahm.
Wie eigentümlich bzw. unkonventionell die Lehrerbildung sowie der berufliche Einsatz seinerzeit sein konnte, beschreibt E. Barteleit selbst so: "Ein Teilnehmer des o.a. Lehrgangs traf mich am 15. Mai 1951 vor der Oberschule, packte mich an der Hand und sagte, ich könne Sportlehrerin werden. Er ging mit mir über die Straße zum Schulamt. Der stellv. Schulrat delegierte mich zu einer Aufnahmeprüfung, die am 16. Mai 1951 in Rostock stattfand, und noch am gleichen Tag kehrte ich als "Lehramtsanwärter" zurück".
Nach einem vierwöchigen Lehrgang am Institut für Körpererziehung der E.-M.-Arndt-Universität Greifswald unter Leitung des damaligen Direktors, Dr. H.-U. Dreischang (er trainierte nach seiner sogenannten "Republikflucht" 1958 u.a. den mehrfachen Europapokalgewinner im Handball, VfL Gummersbach), erfolgten Kurzeinsätze als Junglehrerin an der Karl-Krull-Schule oder als Instrukteur der Sportlehrertätigkeit an den städtischen Schulen sowie die Teilnahme am Schiedsrichter-Lehrgang in Leipzig und Einsatz, u.a. auch als 1. Schiedsrichter, bei den III. Weltfestspielen der Jugend und Studenten und den gleichzeitig stattfindenden XI. Akademischen Sommerspielen in Berlin. Ab Oktober 1951 - bis Mitte der 60er Jahre - arbeitete E. Barteleit dann als Sportlehrerin an der Oberschule, und damit waren günstige Voraussetzungen für eine kontinuierliche Nachwuchsarbeit sowohl auf dem männlichen als auch auf dem weiblichen Sektor geschaffen, die durchaus typisch bzw. spezifisch für Greifswald waren.
Die ersten männlichen Jahrgänge der 50er Jahre (u.a. mit E. JERAN, dann H. GÜRTLER, H. PRÄKEL und später S. SCHULZ, W. BETTIN oder K. LUDWIG), zunächst noch unter Leitung von Sportlehrer S. CHRISTIANSEN, blie-ben nach dem Abitur größtenteils in Greifswald, studierten an der hiesigen Universität und spielten weiter Volleyball bei der HSG Wissenschaft. Diese Sportgemeinschaft, am 5. Mai 1949 als BSG "Universität" gegründet, unter-hielt seit 1952 eine eigenständige Sektion bzw. Abteilung Volleyball.
Initiator war HORST PRÄKEL, der 1952 zu Beginn seines Chemiestudiums gemeinsam mit M. RÄTZSCH auf der Geschäftstelle der HSG Wissenschaft vorstellig wurde. „Wenn ihr Volleyball spielen wollt, müsst ihr eine eigene Sektion gründen (!)“, war die kurze, prägnante Antwort des HSG-Vorstandes, und er gab den beiden Interessenten gleich einen Aushang für die Mensa (in der Bahnhofstraße) mit. Zunächst fanden sich nur fünf spielfähige Mitglieder, so dass ein sechster Spieler „ausgeliehen“ werden musste. Das war zumeist der Sportstudent und spätere Sportreporter G. KOHSE, von Hause aus eigentlich Handballer. H. PRÄKEL wurde gleichzeitig Sektionsleiter (sein Stellvertreter H. GÜRTLER) und blieb das auch mit kurzen Unterbrechungen bis Anfang der 60er Jahre. Ende der 50er Jahre wandte er sich verstärkt der „Schiedsrichterei“ zu (Abb. 2), pfiff in der Oberliga und leitete zahlreiche internationale Spiele, darunter zwei Länderspiele. Darüber hinaus war er Vorsitzender der Schiedsrichterkommission des Bezirkes Rostock und damit nicht zuletzt für die Ausbildung von Schiedsrichtern verantwortlich.
Auch alle anderen o.a. Sportfreunde waren in der Folgezeit nicht nur aktive Spieler, sondern gleichermaßen Volleyball-Funktionäre, Schiedsrichter und Übungsleiter vor allem für die Oberschüler (an der "Penne"). Diese besondere Tradition wurde bis Ende der 60er Jahre kontinuierlich fortgesetzt, zumal viele Aktive auch nach dem Studium ihre berufliche Karriere in Greifswald und Umgebung suchten und fanden, nicht zuletzt wegen Volleyball. Die Mädchen- und Frauenmannschaften, größtenteils ebenfalls Schülerinnen und Absolventinnen der Oberschule, trainierten bis Ende der 50er Jahre unter Leitung von E. BARTELEIT bei Einheit Greifswald, wenngleich hier die Fluktuation nach dem Abitur größer war. Bedingt durch gewisse Querelen und Unstimmigkeiten wechselten die Frauen dann aber zur HSG Wissenschaft, während die Mädchen bis Anfang der 60er Jahre bei „Einheit“ verblieben.
Bei solcher, für die damalige Zeit vergleichsweise kontinuierlichen Trainingstätigkeit blieben sportliche Erfolge nicht aus, die wiederum Ansporn für weitere Leistungssteigerungen und höhere sportliche Ziele waren. Bei der 1. Deutschen Meisterschaft (der DDR) am 24./25. November 1951 in Leipzig belegten die Frauen von Einheit Greifswald einen unerwarteten 3. Platz (Abb. 3) hinter den Mannschaften von HSG Geschwister Scholl Halle und BSG Rotation Nord Leipzig. Zuvor hatten sie sich im Land gegen Rostock, Güstrow, Schwerin, Stralsund und Demmin durchgesetzt. (Offiziell war diese Meisterschaft zunächst für Landesauswahlen plus Polizeiauswahl vorgesehen, aber dann spielten doch die besten 7 Vereinsmannschaften der Länder.)
![]() |
![]() |
![]() |
Normalisierung des Spielgeschehens
Nach Auflösung der Länder und Aufteilung der DDR in 14 Bezirke plus Berlin begann ab 1952 ein organisierter Punktspielbetrieb nach einheitlichen Prinzipien von der Kreis- über die Bezirksklasse und Bezirksliga bis zur DDR-Liga, und wenig später bis zur Oberliga.
Die meisten Greifswalder Mannschaften nahmen an den regelmäßigen Punktspielen in den verschiedensten Ligen teil, die 1. Männermannschaft der HSG, nach Fusion mit Einheit, Mitte der 50er Jahre zwischenzeitlich sogar in der DDR-Liga (Abb. 4a und b). Das Training leitete nach häufigeren Wechseln vor allem K. LUDWIG und S. SCHULZ. Bemerkenswert, dass die stärksten Angreifer seinerzeit mit dem Werfer P.-V. SPRINGBORN sowie H. HARTWICH (mit 1,91 m im Hoch- und 7,09 m im Weitsprung einer der besten deutschen Nachkriegsathleten überhaupt) aus dem Lager der Leichtathleten "ausgeliehen" wurden.
Die Frauenmannschaft konnte Ende der 50er Jahre ebenfalls in die DDR-Liga aufsteigen und behauptete sich dort über mehr als 10 Jahre. (Abb. 5) Die Jugendmannschaften der Oberschule; es gab seinerzeit noch keine Unterteilung in A- und B-Jugend, blieben von Anbeginn die Nachwuchsquelle für die leistungsorientierten Erwachsenenmannschaften. Zumeist siegten sie bei Meisterschaften der Oberschulen im Bezirk und belegten bei DDR-offenen Turnieren stets vordere Plätze. Auch bei Bezirksmeisterschaften für Vereinsmannschaften hielten sie sich schadlos. Das Training der männlichen Jugend hatte der Spieler und spätere Meeresbiologe S. SCHULZ übernommen, der als Volleyball-Fachmann eine neue Qualität in die Trainingsarbeit einbrachte (aus seinen Trainingsgruppen gingen u.a. ULRICH WURSTER und E. LANGE, dann UWE WURSTER, H.-J. DIEDRICH und B. RADIG sowie später H. WURSTER und H. RUGE hervor).
Gespielt wurde zunächst generell im Freien, nicht zuletzt mangels geeigneter Hallen, und erst allmählich verlagerte sich das Volleyballspiel immer mehr unter das Dach. Pokalspiele, bis zu den Endrunden, wurden aber noch lange Zeit konsequent im Freien ausgetragen. In Greifswald trug man die Punktspiele überwiegend im Volksstadion direkt hinter dem Hauptgebäude oder auf den durch Bäume geschützten Freiflächen aus (heute Standort des Hotels "Boddenhus"), drinnen spielte man fast ausschließlich in der Turnhalle der Oberschule (Abb. 6). (Episode: In Vorbereitung auf eine Meisterschaft wurden am Vorabend die Linien mit Farbe und Pinsel durch die Spieler bei Kerzenschein nachgezogen, bedingt durch Stromsperre bzw. Stromausfall.)
Neben den leistungsorientierten Wettkampfmannschaften entwickelte sich in und um Greifswald auch gleichermaßen der Breitensport, initiiert und geleitet durch den DTSB-Kreisvorstand (K. LUDWIG) und den KFA Volleyball (Kreisfachausschuß / ULRICH WURSTER). Nicht zuletzt auf Grund zahlreicher Werbeveranstaltungen (u.a. Demonstrationsspiele auf dem gepflasterten Markt-platz, Fachvorträge mit Filmausschnitten, gezielte Berichterstattung der lokalen Presse) entstanden viele neue Volkssportmannschaften und in den Vereinen eigenständige Volleyballsektionen, die auf Kreisebene einen geregelten Spielbetrieb aufnahmen. Dazu gehörten u.a. die Universität, die Armee-sportvereinigung "Vorwärts" (ASV), die Möbel und Kleiderwerke sowie die Landbautechnik Bandelin.
Eine besondere Stellung nahm die Arbeiter- und Bauern-Fakultät (ABF, vgl. H. KANT "Die Aula") ein, wo der damalige Sportdozent H. HARTWICH als begeisterter Leichtathlet und Volleyballer die Auswahlmannschaften zu zahlreichen Siegen bei den Bestenermittlungen aller ABF der DDR führte.
Greifswald, vor allem mit der starken HSG Wissenschaft, war und blieb leistungsmäßig das Volleyball-Zentrum im Norden der DDR, auch wenn man ab den 60er Jahren nicht mehr mit den Mitte der 50er Jahre gegründeten Sportclubs, speziell mit dem SC Traktor Schwerin, mithalten konnte. Internationale Vergleiche von Greifswalder Mannschaften waren (noch) die Ausnahme im Spielverkehr, und so blieb die Reise der Bezirksauswahl von 1958 nach Kopenhagen (NSW !) für alle Beteiligten umso nachhaltiger in Erinnerung.
Ausdruck der Leistungsstärke und Beginn einer neuen Epoche für Greifs-wald war vor allem das Jahr 1959. Die Frauen spielten bereits in der DDR-Liga, in welche die Männer nach überlegen gewonnener Bezirks-meisterschaft ein Jahr später ebenfalls aufstiegen (Abb. 7). Beim III. Deutschen Turn- und Sportfest in Leipzig errangen die Auswahlmannschaften des Bezirkes Rostock sowohl bei den Männern als auch bei der männlichen Jugend (hier sogar ohne einen Satzverlust!) die Goldmedaillen. Den Kern jener erfolgreichen Auswahlen stellten dabei die vier stärksten Spieler aus Greifswald (Abb. 8).
Mit diesen guten Spielern aus dem Jugend- und Erwachsenenbereich sowie einigen "zugereisten" Studenten hatte man endlich und nach nicht einmal zehn Jahren eine stabile, schlagstarke Mannschaft, die die DDR-Liga in der Folge problemlos meisterte, 1961 den Aufstieg in die Oberliga (mit allen Sportclubs!) schaffte, später u.a. den Titel eines "Deutschen Studentenmeisters" errang (die Frage nach der deutschen Einheit war also offiziell noch nicht ganz verworfen oder nur Alleinvertretungsanspruch?) und über viele, viele Jahre zu den besten acht bzw. zehn Mannschaften in der DDR gehörte.
![]() |
![]() |
Schlussbemerkungen
Neben bzw. in Verbindung mit diesen sportlichen Erfolgen wurde man auch seitens des DDR-Volleyball-Verbandes (DSVB) auf Greifswald aufmerksam und vergab Anfang der 60er Jahre Endrunden um den FDGB-Pokal (Freier Deutscher Gewerkschaftsbund) oder die internationalen JWdF-Turniere (Jugendwettkämpfe der Freundschaft) mit Auswahlmannschaften aller sozialistischer Länder Europas nach Greifswald (Abb. 9).
Nach schwerem Beginn und Anfangserfolgen ein solches tragfähiges Konzept in einem Territorium mit begrenzten materiellen und finanziellen Möglichkeiten über Jahrzehnte aufrechtzuerhalten, steht und fällt, und das nicht nur beim Volleyball, vor allem mit dem Engagement und Stehvermögen ungezählter ehrenamtlicher Funktionäre und Helfer! Wenn diesbezüglich in Greifswald häufig von der Wurster - Dynastie(n) durch den Verfasser und seine Brüder sowie durch die Ehefrauen und Kinder gesprochen wurde und heute noch wird, so macht das auch ein wenig stolz!
Erstellt von Horst Wuster









